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Auf den Spuren der Müller mit Wasser und Wind

Wenn ich mich auf der Autobahn von Osten in den Kreis Heinsberg nähere, komme ich fast immer an der vor sich hinsiechenden Immerather Windmühle vorbei und denke, dass die Nutzung erneuerbarer Energie keine Erfindung der Neuzeit ist. Die Kraft der Natur ist schon seit ewigen Zeiten ein sinnvoll angewandtes Hilfsmittel. Zeugen und Denkmäler dafür finden sich zuhauf im Kreis Heinsberg: bei den zahlreichen Wasser- und Windmühlen, die für vielfältige Zwecke zum Einsatz kamen und die allesamt einen Besuch wert sind.

An exponierter Stelle für die Nutzung der Wasserkraft steht die Schrofmühle bei Rickelrath, bezeichnenderweise in der Mühlenstadt Wegberg am Mühlenbach, einen Seitenbach der Schwalm, gelegen. Der Name der Mühle hat seinen Ursprung vermutlich im niederdeutschen „schroof“ (unwirtlich, sumpfig) und ist wohl auf die Lage der Mühle in einer feuchten Bachniederung zurückzuführen. Die Mühle wurde 1558 erstmalig erwähnt. Ursprünglich war die Schrofmühle, wie auch viele der benachbarten Mühlen, eine reine Ölmühle, in der das Öl aus dem Flachs- und/oder Rapssamen gepresst wurde. Der Niedergang des Flachsanbaus aufgrund von Importen von Baumwolle aus Übersee führte im 18. Jahrhundert zu dem Einbau einer Mahlvorrichtung für Getreide. Ab 1771 diente die Schrofmühle als Öl- und Kornmühle und war eine von ehemals fünf Wassermühlen, die am Mühlenbach betrieben wurden. Die Mühle besitzt nunmehr ein Getreidemahlwerk mit zwei funktionstüchtigen Mahlgängen und einem Sackaufzug sowie eine vollständig eingerichtete Ölmühle mit Kollergang, Leinölofen, Rührwerk und Ölpresse. Sie ist damit die einzige funktionstüchtige Getreide- und Ölmühle im Rheinland. Noch bis 1950 wurde sie gewerblich genutzt. Danach verfiel sie in einen Dornröschenschlaf und stand kurz vor dem Untergang.

©Foto: Förderverein Schrofmühle

1950 verfiel die Schrofmühle in einen Dornröschenschlaf. Erst in den 80er Jahren wurde ihr Wert wiedererkannt.

Seit über 250 Jahren befindet sich die Schrofmühle in Privatbesitz. Im Jahre 2004 wurde der Förder- und Museumsverein Schrofmühle Rickelrath  gegründet. Ziel dieses gemeinnützigen Vereines ist es, „das Kulturdenkmal Schrofmühle in seiner ursprünglichen Form wiederherzustellen und in Stand zu halten“. Inzwischen befindet sich im Gebäudekomplex der Mühle auch ein 2009 eröffnetes Mühlenmuseum mit der Dauerausstellung „Wegberg und das Tal der Mühlen“.

©Foto: Förderverein Schrofmühle

Ferdinand Schmitz (l.) ist froh, dass in der Schrofmühle auch ein Mühlenmuseum eingerichtet ist, das über die Wassermühlen in der Mühlenstadt Wegberg aufklärt.

Es hätte nicht viel gefehlt und mit dem Ende der gewerblichen Nutzung wäre auch das Ende der Mühle gekommen. „Sie hatte keine Funktion mehr und wurde nur noch als Lagerfläche und Abstellkammer genutzt“, berichtet Ferdinand Schmitz, der nunmehr auf dem Bauernhof lebt, zu dem die Mühle gehört. In der Nachkriegszeit wäre es verständlich gewesen, wenn das Holzgebälk abgerissen und als Brennholz verwendet worden wäre. „Aber meine Großmutter hat beharrlich auf den Erhalt gedrängt.“ So blieb das Gebäude im Prinzip sich selbst überlassen, bis schließlich Theo Schmitz Anfang der 80er Jahre mit der Restaurierung begann. „Er ist von vielen belächelt worden. Selbst der Denkmalschutz hatte noch nicht erkannt, welches besondere Kleinod sich hier befindet.“ Erst später wurde die Mühle mitsamt der angrenzenden landwirtschaftlichen Gebäude und der Mühlenteich unter Denkmalschutz gestellt. Rund 30 Jahre hat es gedauert, bis die Schrofmühle wieder in altem Glanz erstrahlte. Dabei blieb nicht nur das Gebäude erhalten, auch im Inneren wurde großer Wert auf Originalität gesetzt, die mich fasziniert und die einen Eindruck vermittelt, wie beschwerlich die Arbeit eines Müllers gewesen sein muss.

©Foto: Förderverein Schrofmühle

©Foto: Förderverein Schrofmühle

Eine faszinierende Technik, die zeigt, wie die Mühle beim Mahlen und Schlagen funktioniert

Regelmäßig kann der Betrieb der Mühle hautnah miterlebt werden. Zum Tag der Mühlen an Pfingsten öffnet sie ebenso wie an anderen Terminen für Besucher ihre Pforten. Gerne führen Schmitz und sein Vater sowie andere kundige Mitglieder des Fördervereins Besucher durch die Räume und die verwinkelten Holzkonstruktionen der Mahlwerke. „60 bis 80 Gruppen haben wir pro Jahr außerhalb der üblichen Öffnungszeiten zu Gast“, berichtet Schmitz. Aus ganz Nordrhein-Westfalen, aber auch aus dem Mühlenland Niederlande und Belgien melden sich Besuchergruppen an. „Ab März sind wir meistens im Einsatz.“ Die Technik lässt einfach nur staunen. Ich würde mich nicht trauen, damit zu hantieren. Und es gibt tatsächlich nur wenige Fachleute, die in der Lage sind, die Mahlräder oder die Schlagwerkzeuge, die für mich unverständlich miteinander verbunden oder verhakt sind, zum Laufen zu bringen. Fünf „Müller“ zählt der Förderverein. „Die Nutzung als Öl- und als Kornmühle mit den vollkommen unterschiedlichen Arbeitsprozessen erfordert viel Fachwissen.“ Das glaube ich gerne und zucke zusammen, als ein lauter Schlag ertönt, während wir uns durch die Holzkonstruktion hangeln, vorbei an den mächtigen Mahlsteinen. Es ist eng. Müller-Romantik sieht anders aus. „Der Schlag kommt von der Ölmühle“, klärt mich Schmitz auf.

Im Oktober endet die Öffnungszeit. Dann gibt es zwei, drei Monate, in denen Ferdinand Schmitz und seine Familie ohne Öffentlichkeit ihr Anwesen an der Schrofmühle genießen können. Aber untätig ist der Mühlenbesitzer nicht. „Es gibt immer etwas zu tun in den vielen Räumen, den Mahlwerken oder an der Holzkonstruktion“, meint Schmitz, der betont: „Ohne den Förderverein wäre der Erhalt und die Nutzung der Schrofmühle einfach nicht möglich.“

In einigen Wassermühlen haben Restaurants eine Bleibe gefunden. Schmitz kann auf Anhieb einige attraktive Gaststätten nennen, die besonders bei Touristen und Wanderern sehr beliebt sind und die nach einem Besuch der vollfunktionstüchtigen Mühle gerne angesteuert werden. „Aber bei uns wird es keinen Café- oder Restaurantbetrieb geben“, stellt er klar.

Ein Verein kümmert sich auch im Bereich der Windmühlen um den Erhalt und den Betrieb historischer Beispiele für die Nutzung erneuerbarer Energien. Der Verein Historische Mühlen im Selfkant hat gleich fünf Mühlen unter seiner Fittiche, darunter vier Windmühlen. Der Selfkant hätte die größte Dichte an Mühlen unter allen Regionen in Deutschland, sagt der Verein, und lässt den Besucher staunen. Diese Vielzahl stellt eine herausragende touristische Attraktion das. Ursprünglich hatte es im Bereich Selfkant-Heinsberg-Geilenkirchen einmal 19 Mühlen gegeben, von denen vier noch als ganze Mühlen erkennbar sind, bei vier anderen sind noch die Mühlenstümpfe vorhanden.

Das markanteste Beispiel für eine der Windmühlen im Kreis Heinsberg ist die Museumsmühle in Gangelt-Breberen.

©Foto: Verein Historische Mühlen im Selfkant e.V.

Die Windmühle in Breberen steht noch mitten im freien Feld, so wie es zur Hochzeit der Windmühlen die Regel war.

Die Mühle von 1842 sticht gleich in mehrerlei Hinsicht aus der Vielzahl der Windmühlen im Kreis Heinsberg hinaus, worauf Karl-Heinz Tholen mich bei meinem Besuch stolz hinweist. Und das nicht nur, weil sich in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft die mächtigen Windräder als Windmühlen der Neuzeit drehen. „Sie ist die einzige Windmühle, die noch im freien Feld steht.“ Das war in der Hochzeit der Windmühlen die Regel, doch mit dem Niedergang der Mühlen und dem gleichzeitigen Wachsen der Dörfer wurden die Gebäude „eingemeindet“ und entweder anderweitig genutzt oder umgebaut. Noch bis 1961 wurde die Getreidewindmühle gewerblich genutzt. 1963 hat der Kreis Heinsberg die Mühle von Tholens Patenonkel Josef Schmitz als letztem Privateigentümer erworben; die nächste Besonderheit. „Die anderen Windmühlen befinden sich alle noch im Privatbesitz“, erklärt Tholen, „wobei sie allerdings eine Zusammenarbeit mit dem Kreis eingegangen sind.“ Der Kreis wiederum verkaufte die Mühle 2006 zu einem symbolischen Preis von einem Euro an die Gemeinde Gangelt. Mit ihr hat Tholen, quasi stellvertretend für den Mühlenverein, einen Betreibervertrag geschlossen.

Das dritte herausragende Attribut der Breberener Turmwindmühle ist die Technik. Nach schweren Kriegsschäden 1944/15 wurde die Mühle 1950 wieder instandgesetzt. Dabei wurde auch das ursprünglich mit Segeltuch bespannte Flügelkreuz durch Ventikantenflügel aus Metall ersetzt, die eine optimale Windausnutzung ermöglichen. Der Fachmann staunt und der Laie wundert sich, wenn Mühlen-Experte Tholen referiert: „Der Einbau eines Fliehkraftreglers bewirkt eine Öffnung der Flügelteile bei zunehmendem Wind und die Reduzierung der Umdrehungszahl auf das gewünschte Maß.“ Und stolz fügt Tholen hinzu: „Sie ist eine der wenigen noch mahlfähigen Anlagen und wegen ihrer Flügeltechnik eine besondere Rarität.“ Die Mühle bei der Arbeit zu sehen, macht dank der respekteinflößenden Technik Spaß, und es ist ein wenig abenteuerlich, über die schmalen Holztreppen bis unters Dach zu klettern.

Diese Turmwindmühle bei Breberen bietet sich optimal als Start- und Endpunkt für Radtouren an. Hinweisschilder führen die Mühlenfreunde auf schönen Wegen zu den anderen Mühlen in der Obhut des Mühlenvereins. Das benachbarte Mühlencafé lädt zum Verweilen ein, aber auch in der Nähe der anderen Windmühlen in Haaren, Kirchhoven und Waldfeucht, die der Verein ebenfalls betreut, finden sich gemütliche Einkehrmöglichkeiten.

 

©Foto: Verein Historische Mühlen im Selfkant e.V.

©Foto: Verein Historische Mühlen im Selfkant e.V.

©Foto: Verein Historische Mühlen im Selfkant e.V.

Auch die Mühlen in Haaren, Aphoven und Waldfeucht werden vom rührigen Mühlenverein gehegt, gepflegt und betrieben.

Regelmäßige Öffnungszeiten haben die Mühlen nicht. Auf Anfrage werden Gruppenführungen durchgeführt, ansonsten haben die Mühlenfreunde in der Regel samstags in Breberen, donnerstags von 10 bis 13 Uhr in Haaren, freitags von 14 bis 17 Uhr in Kirchhoven und in Waldfeucht unregelmäßig montags Betriebszeiten festgelegt. Für die Mühle in Breberen gibt es noch eine Besonderheit: Die Mühle ist zu den Öffnungszeiten des Café für Besucher zugänglich. Für geführte Besichtigungen werden Termine mit dem Verein Historische Mühle vereinbart.

„Ohne Müller läuft in den Mühlen gar nichts“, sagt Tholen und weist auf die vielen Helfer hin, die im Verein Historischer Mühlen im Selfkant tätig sind. So hat es sich der Verein zu einer Aufgabe gemacht, ehrenamtliche Mühlen-Helfer als Hobbymüller auszubilden. „Wir lassen an unsere Mühlen nur geschulte Personen ran.“ Inzwischen verfügt der Verein über 17 Fachkräfte, die in der Lage sind, eine Mühle in Gang zu bringen, sie aber auch wieder abzubremsen. „Da ist technisches Wissen ebenso erforderlich wie meteorologische Kenntnisse. Sonst fliegt einem die Mühle noch um die Ohren.“ Da lasse ich lieber die Finger von der Sache, und erfahre, dass derzeit eine weitere sechsköpfige Gruppe unter Anleitung eines Mühlenexperten und Lehrers aus den Niederlanden fit gemacht wird für die hohe Kunst des Müllerns. „Da ist es nicht mit einem kurzen eintägigen Lehrgang getan. Da ist in mehreren Unterrichtseinheiten richtiges Lernen und Arbeiten angesagt“, betont Tholen.

„Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die fünf Mühlen der Freizeitregion zu unterhalten, zu betreiben und interessierte Mitglieder zu freiwilligen Müllern auszubilden“, so umschreibt der Verein eine Zielsetzung. „Denn Nachwuchs ist für die Weiterführung der Mühlen- und Müllertradition unabdingbar.“

Ich freue mich über dieses Engagement, das den Erhalt der schönen Mühlen möglich macht. Und dann erinnere ich mich wieder an die Immerather Windmühle ganz im Osten des Kreisgebietes. Sie hat keine Lobby und sie bietet einen kläglichen Eindruck, der zugleich deutlich macht, wie wenig die erneuerbaren Energiequellen bedeuten, wenn die Gier nach fossilen Brennstoffen immens ist. Die heruntergekommene, sich selbst überlassene Windmühle muss dem Tagebaugebiet Garzweiler II weichen, damit ein einziges Mal die Energie genutzt werden kann, die unter ihr in Form von Braunkohle schlummert.

©Foto: Verein Historische Mühlen im Selfkant e.V.

Dem Untergang geweiht ist die Immerather Windmühle im Erkelenzer Osten. Das Zeichen für erneuerbare Energien muss der Energiegewinnung aus fossilen Stoffen weichen. 

Ob Wasser- oder Windmühlen, die Zahl der Mühlen im Kreisgebiet ist enorm. Sie bei einer einzigen Tour zu erkunden, ist nahezu unmöglich. Beschilderte Mühlentouren mit dem Fahrrad sind nicht nur erholsam, sondern auch lehrreich, sei es durch die Felder des Selfkants oder entlang der Wasserläufe in Wegberg. Um Appetit auf mehr zu den Mühlen zu bekommen, bietet sich ein Blick auf die Homepages www.muehlenverein-selfkant.de und www.schrofmuehle.de an.

Die Fotos wurden dankenswerterweise vom Förderverein Schrofmühle und vom Verein Historische Mühlen im Selfkant zur Verfügung gestellt.

von Kurt Lehmkuhl
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