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Sommernachtslesungen sind (noch) ein Geheimtipp
Warum soll ich eigentlich zu einer Lesung gehen? Das fragt sich so mancher, wenn er von einer entsprechenden Ankündigung erfährt. Da sitzt jemand vorne auf einem Stuhl hinter einem Tisch und liest und liest und liest. Da ist es nicht mehr weit bis zur Beurteilung „langweilig“. Aber das stimmt nicht. …

Warum soll ich eigentlich zu einer Lesung gehen? Das fragt sich so mancher, wenn er von einer entsprechenden Ankündigung erfährt. Da sitzt jemand vorne auf einem Stuhl hinter einem Tisch und liest und liest und liest. Da ist es nicht mehr weit bis zur Beurteilung „langweilig“.
Aber das stimmt nicht. Lesungen können alles andere als langweilig sein. Lesungen können zum unterhaltsamen Ereignis werden, bei dem der Lesende beziehungsweise die Lesenden und das Publikum schnell zu einer Einheit, einer verschworenen Gemeinschaft werden können. Manchmal bedarf es dazu eines Anstoßes – und diesen Anstoß haben wir vor drei Jahren gegeben. „Wir machen eine Lesung zur Mittsommernacht!“, so der Entschluss im Kreise der Erkelenzer Leseburg, die sich mehr und mehr bei Literaturfreunden einen Namen gemacht hat. Die Recherche des Leseburg-Teams, zu dem auch Felix und Helmut Wichlatz und Jörg Grätz gehören, ergab, dass es eine derartige Lesung weit und breit nicht gibt. „Und wenn schon Mittsommernacht, dann auch an einem ungewöhnlichen Ort!“

Gesagt, getan. Der ungewöhnliche Ort war in Erkelenz schnell gefunden: der Alte Friedhof an der Brückstraße. Ein historischer Platz mit den Grabstätten herausragender Erkelenzer Persönlichkeiten wie etwa Hermann-Josef Gormanns oder Bernhard Hahn, der allerdings längst nicht mehr als Friedhof genutzt wird. Früher hat der Friedhof einmal außerhalb der Stadt Erkelenz gelegen, jetzt ist er zu einem geschichtsträchtigen, innerstädtischen Park geworden mit mächtigen Bäumen, interessanten Grabsteinen und idyllischen Ruheflächen.

Die nächsten Rahmenbedingungen wurden festgelegt: Erstens sollte es keine elektronische Verstärkung geben, also weder Mikrofon und Lautsprecher, sondern nur die Stimme des Vorlesers, und zweitens sollte kein künstliches Licht den langsamen Übergang vom dämmrigen Abend zur dunklen Nacht stören. Allenfalls Taschenlampen oder Stirnleuchten waren geduldet.

Eine Lesung zur Mittsommernacht auf einem ehemaligen Friedhof! Geht’s noch? Viel Skepsis schlug uns entgegen, Kopfschütteln, Unverständnis – aber auch Zustimmung, Begeisterung, gar Unterstützung. „Da machen wir mit“, sagten etwa die Vertreter des Arbeitskreises Friedhof Brückstraße im Heimatverein der Erkelenzer Lande. „Das unterstützen wir“, sagten die Vertreter der Stadt Erkelenz, die Eigentümer des Parks ist.

Da fehlten nur noch zwei Dinge zum großen Glück: Autoren, die lesen, und Zuhörer, die kommen.
Das eine Ding war genauso schnell erledigt wie das andere. Kaum hatten wir in Autorenkreises von der Mittsommernachtslesung berichtet, kamen auch schon die Anfragen. Wenn wir alle berücksichtig hätten, wäre es eine zehnstündige Lesung geworden – mindestens. Aber es sollte nur ein zweistündiges Programm geben, und zwar von 22 bis 24 Uhr. Mit Beginn der Geisterstunde sollte der Alte Friedhof wieder nur den Geistern gehören.

Nicht nur diesen Geistern wurde etwas zugemutet. Auch die Zuhörer waren gefordert: Sie mussten sich ihre Sitzgelegenheiten mitbringen und eventuell auch noch Getränke. Aber das war für sie kein Grund, fernzubleiben. Im Gegenteil: Wir konnten gar nicht so schnell schauen, wie die 60 Eintrittskarten verkauft waren. Mehr sollten es nicht sein. Die Runde sollte überschaubar bleiben, jeder sollte in der Lage sein, das Gesprochene auch zu hören – und in der Nacht sollte uns keiner verloren gehen.

Foto: pr

Die Premiere war ein Abenteuer für Kurt Lehmkuhl, Kai Beisswenger, Helmut Wichlatz, Frank Rimbach sowie Heidi Hensges und Claudia Ingenillen.

Um es kurz zu machen: Die erste Erkelenzer Mittsommernachtslesung wurde zu einem Ereignis, das allen Beteiligten in bester Erinnerung bleiben wird. „Das Ambiente ist einfach unbeschreiblich“, meinte etwa der Autor Kai Beisswenger aus Wegberg, der aus seinen fantastischen Texten bereits an vielen Stätten deutschlandweit gelesen hat. Und auch Heidi Hensges aus Heinsberg, Claudia Ingenillen aus Moers, der Erkelenzer Allroundkünstler Frank Rimbach waren ebenso wie Helmut Wichlatz und ich begeistert. Es war allen sicher, dass es im nächsten Jahr eine Fortsetzung geben musste mit einem neuen Programm und anderen Autoren.

Foto: pr

Auch im Duett lasen Heidi Hensges und Helmut Wichlatz bei der Premiere.

So geschah es. 2016 gab es die zweite Mittsommernachtslesung. Und sie bekam den ersten Ableger: eine romantische Sommernachtslesung. Beatrix Hötger-Schiffers aus Geilenkirchen, die mit uns in einem Schreibkursus der Anton-Heinen-Volkshochschule des Kreises Heinsberg zusammengearbeitet hat und die uns bei diversen Lesungen mit eigenen Texten unterstützt hat, wollte unbedingt ihre „eigene“ Sommernachtslesung veranstalten. Wo? Allein der Gedanke, diese Lesung auf einer Streuobstwiese in Geilenkirchen-Kraudorf durchzuführen, war ein Garant dafür, dass die Lesung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden musste.

Es kam anders. Wobei eine Komponente ins Spiel kam, die zuvor nicht berücksichtigt worden war. Nämlich das Wetter. Bei einer Sommernachtslesung hat Sommerabendwetter zu herrschen. Dachten jedenfalls die Macher, nicht aber das Wetter selbst. Wegen einer Hagelkatastrophe musste die ursprüngliche Lesung in Erkelenz abgesagt und verschoben werden – und, wir glaubten unseren Augen kaum, am Ersatztermin zwei Wochen später kamen alle Karteninhaber ohne Murren und in großer Vorfreude. Diesmal machen neben Helmut Wichlatz, Claudia Ingenillen und mir noch Georg Schneiderwind aus Mönchengladbach und Margarete Kaiser aus Heinsberg mit.

Was in Erkelenz noch möglich war, konnte in Kraudorf nicht mehr getan werden. Das Unwetter kam wenige Minuten vor dem Beginn. Da blieb nur der flinke Umzug – in den Pferdestall. Was für eine Idylle! Schnaubende Pferde in ihren Boxen, der Geruch von Heu in der Nase, aufs Dach prasselnder Regen, Donner und Blitze. Und mittendrin gab es romantische Texte zur Sommernacht, für die neben Beatrix-Hötger-Schiffers und mir noch Frank Rimbach, Heike Dahlmanns aus Gangelt und Heidi Hensges aus Heinsberg verantwortlich waren. Das Publikum war begeistert und versprach im nächsten Jahr wiederzukommen.

Foto: pr

Zum ersten Mal dabei war 2017 in Erkelenz Hörbuchsprecher René Wagner.

Das nächste Jahr brachte zunächst die dritte Mittsommernachtslesung, die damit nach Erkelenzer Selbstverständnis zu einer Traditionsveranstaltung in der Erka-Stadt geworden ist. Fast überflüssig zu erwähnen, dass auch diese Lesung ohne Strom und Licht restlos ausverkauft war. Die „Profis“ unter den Zuhörer hatten sich bestens gewappnet mit Klappstuhl, Jacke, Decke und flüssiger Nahrung. Man kuschelt sich warm ein und lauschte den gruseligen Geschichten, die von Beartrix-Hötger-Schiffers, Helmut Wichlatz, Franz Rimbach, Kai Beisswenger, dem Hörbuchsprecher René Wagner aus Erkelenz und mir vorgetragen wurden?

Foto: pr

Frank Rimbach machte 2017 zum zweiten Mal in Erkelenz mit.

Kann es etwas Schöneres geben an einem Mittsommerabend?
Ich bin geneigt, die Frage zu verneinen, aber ich bin geradezu durch die Umstände genötigt, „aber“ zu sagen. Denn das Kraudorfer Publikum hatte sein Versprechen gehalten und sogar jeder Einzelne noch einen Begleiter mitgebracht.

Foto: pr

Nach dem Premiere im Pferdestall 2016 vergnügten sich 2017 die vielen Zuhörer auf der Streuobstwiese.

Und dieses Mal klappte es nicht nur mit dem Nachbarn, sondern auch mit Wetter. Ein lauer Sommerabend auf einer Streuobstwiese mitten in Kraudorf. Herz, was willst du mehr? Da stört auch nicht der lautquakende Frosch aus dem Tümpel nebenan, der sich erfolgreich bemühte, die Leser zu übertönen. Beatrix Hötger-Schiffers, Heidi Hensges, Margarete Kaiser, Heike Dahlmanns und ich haben es geschafft, die Zuhörer auch bei zunehmender Kühle bei Laune zu halten. Nächstes Jahr wieder, so lautete die Forderung an die Organisatorin, die sich dieser Forderung nicht widersetzen will…

Foto: pr

Beatrix Hötger-Schiffers ist nicht nur eine aufmerksame Gastgeberin, sondern auch eine hervorragende Autorin.

Nächstes Jahr wieder, so heißt es auch in Wegberg. Dort hatte Torsten Heiss vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen in diesem Jahr Ende Juli zum ersten Mal eine „kriminelle Sommernachtslesung“ in sein Kulturprogramm aufgenommen. Es kam, wie es wohl kommen musste: Nach Regenschauern am Nachmittag blieb es abends trocken und die noch open-air-Leseabend-unerfahrenen Wegberger strömten in Scharen zum Park an der Bahnhofsstraße, der auch einmal Friedhof gewesen war. Sie haben Mord und Totschlag, von denen Helmut Wichlatz, René Wagner, Clemens Hardmann aus Wegberg und ich lasen, heil überstanden und wollen im nächsten Jahr wiederkommen.

Foto: pr

Die erste Sommernachtslesung in Wegberg ermuntert den Veranstalter Torsten Heiss zur nächsten 2018.

Dann, 2018 nämlich, wird es vielleicht schon eine vierte oder sogar fünfte Kommune im Kreis Heinsberg geben, in der ebenfalls Sommernachtslesungen stattfinden werden. Entsprechende Überlegungen sind jedenfalls im Gange. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Kreis Heinsberg einmal das unumstrittene Zentrum der Sommerabendlesungen sein wird. Interessanterweise melden sich jetzt schon Autoren aus dem gesamten Bundesgebiet, die von diesen ungewöhnlichen literarischen Ereignissen gehört haben und gerne einmal an den Start gehen wollen. Wenn sie dann auch noch Gäste mitbringen, ist das umso schöner für den Kreis und für die Kultur.

 

von Kurt Lehmkuhl
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